Kleine Schule des Betens
(mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Meuser)
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Wenn du dich bei Menschen in deiner Umgebung umhörst, was sie vom Beten halten, wirst du ganz unterschiedliche Antworten bekommen. Die einen werden sagen: „Beten ist Unsinn; es nutzt ja doch nichts“. Andere werden meinen: „Ich bete jeden Tag; Beten hat mir in meinem Leben sehr geholfen.“ Daraus solltest du nur eine Erkenntnis gewinnen: Verlasse dich in einer so wichtigen Sache nicht auf andere Leute, sondern finde es selbst heraus!
Höre auch nicht darauf, wenn du hörst, Beten sei schwer oder leicht. Mach deine ganz eigenen Erfahrungen, denn Beten ist so individuell, wie du selbst einmalig und individuell bist. Wenn du jemanden liebst, ist es ja auch deine ganz persönliche und unverwechselbare Liebesgeschichte, die sich von allen Liebesgeschichten dieser Erde unterscheidet. Deine Liebe wird einmal schwer und einmal leicht sein. Spielt das eine Rolle? Beten und Lieben gibt es nicht von der Stange.
Fange ganz einfach damit an, aber fange mit großer innerer Erwartung an. Mache es so, als wolltest du eine tolle Sportart oder ein wunderbares Instrument erlernen, um darin eines Tages so sicher wie ein Meister zu sein. Aber halt, da droht schon das erste Missverständnis. Du könntest jetzt denken. Beten sei eine Frage der richtigen Technik: „Man muss nur die richtigen Kniffe kennen und schon hat man den Bogen raus.“ Mit ein paar simplen Tricks geht gar nichts. Beten heißt: in eine Liebesgeschichte mit Gott eintreten. Und wie das Wort Liebes-Technik ein Widerspruch in sich ist, so auch das Wort Gebets-Technik.
Wenn ich trotzdem sage, das Gebet sei ein „Instrument“ dann meine ich damit ein Instrument der Verständigung, eine Sprache. Es ist, wie wenn ein junger Mann ein wunderschönes Mädchen aus einem ganz fremden Land kennen lernt; um es zu lieben, wird er mit ganzem Einsatz darangehen, die Sprache zu lernen, in der er jedes Wort von ihr versteht, in der er ihr alles sagen kann. Die Sprache, in der er jede Faser seines Herzens, jede Nuance seiner Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Aus Liebe wird er ein Meister dieser Sprache werden. Wenn du ein Meister in der Sprache werden willst, in der du Gott verstehst und ihm alles sagen kannst, dann fange heute noch von ganzem Herzen damit an zu beten!
Du bist darin nicht allein, denn eine neuere Untersuchung hat ergeben, dass 60% aller Jugendlichen beten. Viele reden nicht darüber, aber in seiner Tiefe spürt fast jeder Mensch, dass es ungeheuer wichtig ist, eine Beziehung zu Gott zu haben und mit ihm in jeder Lage sprechen zu können. Aber du sollst nicht beten, weil gerade 60%, 75% oder 99 % aller Jugendlichen beten. Du sollst auch nicht beten, weil das vielleicht in einer Prüfung hilft, weil es ein schönes Gefühl macht, weil du dich dann unbelasteter fühlst, weil es deine Mutter oder dein Freund oder der Pfarrer empfohlen hat, weil es die Indianer, die Muslime oder der Papst auch tun.
Es gibt nur einen Grund zu beten: weil es Gott gibt. Weil er dich erschaffen hat. Weil er dich Tag und Nacht mit seiner Liebe begleitet. Weil er jetzt gerade da ist und mit dir eine wunderbare Verbindung haben möchte. Beten ist das Natürlichste von der Welt. Es ist eigentlich so natürlich wie Atmen. Wir sind ja in Gott, bewegen uns in ihm, schwimmen in ihm wie der Fisch im Wasser.
Und warum ist es dann so schwierig zu beten? Denn fast jeder Mensch braucht eine große Anstrengung, bis er wirklich in ein Beten hineinkommt, das ihm völlig natürlich aus der Tiefe seines Herzens strömt. Eine merkwürdige Antwort darauf ist: Weil Gott so groß und so klein ist! So groß, dass alle unsere Begriffe und Vorstellungen versagen - und so klein, dass noch das kleinste Sandkorn und das scheinbar zufälligste Ereignis von seiner Gegenwart spricht. Ich will dir einen Gedanken geben, der dir vielleicht hilft: Beten ist wirklich zu schwierig für Menschen. Was ist denn schon der Mensch, dass er es mit der Unendlichkeit Gottes aufnimmt? Aber du musst es gar nicht machen - „es“ betet schon lange in dir, bevor du zu ein paar armseligen Worten oder frommen Gedanken findest. „Es“ - das ist der Heilige Geist, den du in der Taufe und der Firmung oder bei der Konfirmation empfangen hast. Er lebt in der Tiefe deiner Seele, ob du es schon gemerkt hast oder noch nicht. In deiner Tiefe ist schon etwas oder einer, der ständig die Worte der Liebe zu Gott spricht, die du erst mühsam mit-sprechen lernst. Du betest also schon, bevor du dich bewusst dazu entscheidest, es von jetzt an zu tun. Ein wunderbares und sehr tiefes Gebet ist daher, wenn du sprichst: „Komm, Heiliger Geist, bete du in mir, wenn mir die Worte fehlen!“ Aus dir heraus betet Gott zu Gott.
Wenn du also betest, so fängst du nicht bei Null an, sondern du steigst in dein tiefstes Geheimnis ein - in dir ist bereits ein Gespräch mit Gott, das keine Sekunde deines Lebens abgerissen ist. Das auch dann nicht abreißt, wenn du an allen Ecken und Enden feststellen musst, wie wenig du Gottes Idealbild von dir entsprichst. Nur eine Handbreit hinter dem ewigen Kreisen um deine eigene Person wohnt Gott. Im Bruchteil einer Sekunde, im Flügelschlag eines Gedankens bist du bei ihm! Das Paradies ist nicht irgendwo in Mesopotamien, sondern in deiner eigenen Tiefe, in der du jetzt schon erlöst bist, in der Gott Wohnung genommen hat, in die du eintauchen sollst, um dich an der Liebe zu freuen und Kraft zu schöpfen für all das Schwere, das du in deinem Leben zu bestehen hast.
Verstehst du jetzt, wenn du in der Bibel liest, wir sollten „ohne Unterlass“ beten, also gar nicht mehr damit aufhören? Du hast dich vielleicht schon einmal gefragt, wie das denn gehen soll - man kann ja nicht gleichzeitig im Internet surfen oder eine komplizierte Maschine bedienen und dabei das Vaterunser sprechen; man kann auch nicht mit höchster Konzentration auf der Autobahn fahren und dabei einen Psalm aufsagen. Es geht aber um diese Handbreit zwischen Gott und dir; immer einmal wieder sollst du - und sei es nur für eine Sekunde - in die Tiefe deiner Wirklichkeit eintauchen, in der das unaufhörliche Gespräch zwischen dir und Gott stattfindet: „es“ betet immer in dir. Du kannst es nur abwürgen, von dir abtun, dich der Liebe verweigern. Oder: mitspielen.
Und wenn du jetzt fragst: Was habe ich davon? - so muss ich dir sagen: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was Gott mit dir vorhat. Du wirst es spüren. Ich weiß aber eines: Solange du in deinem Leben nicht mit dem Beten aufhörst, solange wirst du nicht aus deiner Wahrheit herausfallen; solange wirst du dein Leben nicht verfehlen. Wenn du alles, was du tust und vorhast, unter das Licht Gottes hältst, wirst du einen geraden Weg gehen. Dein Weg wird vielleicht anders aussehen als der Weg der Abertausende von Menschen, die nur ihren Vorteil suchen und ihr Schäfchen ins Trockene bringen und eines Tages ausgelebt, verbogen und traurig von der Erde gehen. Man wird es dir vielleicht nicht sofort, aber ganz gewiss nach ein paar Jahren ansehen, ob du ein Beter oder ein Nichtbeter bist.
Nun will ich dir ein paar ganz praktische Ratschläge geben, die dir helfen sollen, dein Leben aus der Tiefe, der Kraft und der Schönheit des Betens heraus zu gestalten. Es sind zehn kleine, aber sehr hilfreiche Regeln. Ich sauge sie mir nicht aus den Fingern; dahinter steckt die Erfahrung von vielen Millionen Betern, die in den vergangenen Jahrtausenden von derselben Sehnsucht wie du erfasst waren, nämlich in ganz enger, herzlicher Beziehung mit Gott leben zu wollen.
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1. Wenn du betest, tue es regelmäßig!
Wenn du nur betest, wenn du in höchster Not bist oder wenn du gerade ein schönes Gefühl hast, wirst du kein Stück vorankommen. Denn was ist das für eine Liebesbeziehung, die immer nur dann beschworen wird, wenn du gerade „Liebe“ nötig hast? Mache dir also einen konkreten Plan. Beispielsweise den: a) Morgens nach dem Aufstehen setze ich mich für eine bestimmte Zeit auf die Bettkante und suche den bewussten Kontakt zu Gott. Ich lege ihm mein Leben, meinen Tag, meine Freunde und Verwandten in die Hand, vertraue mich seiner Führung an usw. b) Immer wenn ich esse (und wo immer das ist), schicke ich einen Dank an Gott, der mich erhält und für mich sorgt. c) Wann immer ich eine Kirche besuche (beispielsweise um sie zu besichtigen), nehme ich Kontakt zu Gott auf, um ihn zu preisen und ihm Dank für alles Gute zu sagen. d) Ich gehe an keinem Tag schlafen, ohne vorher mit Gott gesprochen zu haben, ohne seinen Frieden und seine Versöhnung zu suchen.
Wie dein Plan konkret aussieht, musst du ganz allein für dich entscheiden. Nur prüfe dich immer wieder, ob du wirklich regelmäßig betest. Sonst sei kritisch dir gegenüber und der List, die sich der Teufel der Bequemlichkeit ausdenkt, um dich von deinem Weg abzubringen.
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2. Wenn du betest, nimm dir Zeit!
Gott zählt nicht die Minuten oder Sekunden, die wir für ihn reservieren. Sekundengebete (sogenannte „Stoßgebete“) sind etwas Wunderbares, und du darfst immer wieder auf den Schnellkontakt zu Gott zurückgreifen. Aber wenn du in echte Beziehung mit Gott kommen willst, brauchst du dafür richtig Zeit. Das ist am Anfang vielleicht nicht einfach, aber eines Tages wirst du dich nicht mehr zum Gebet zwingen müssen. Der Wunsch danach kommt ganz tief aus dir: Du wirst es als großes Glück erleben, beispielsweise einmal eine halbe Stunde in der Stille einer einsamen Kirche mit Gott gesprochen zu haben. Wir haben für soviel Unsinn Zeit - ist Gott dir nicht wert, ihm wirklich Zeit zu schenken? Wichtig ist es, gerade für die regelmäßigen Gebete bewusst Zeit einzuplanen. Sonst schleift sich ein rasches Geplapper, das Abspulen von einigen vorgestanzten Formeln ein, das den Namen Gebet nicht verdient. Übrigens gibt es eine alte Erfahrung: Die Zeit, die man Gott schenkt, bekommt man zurück, weil einem der Tag nach einem guten Morgengebet ganz anders von der Hand geht.
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3. Bete mit dem Herzen!
Eine Faustregel ist: Ein Gebet, das nur mit dem Mund und nicht aus ganzem Herzen gesprochen ist, ist kein Gebet. Bewährt hat sich, sich vor dem Beten von aller Ablenkung zu befreien (Auszeit für Radio, CD-Player etc.) und gewissermaßen aus der Stille und der inneren Sammlung heraus Gott zu suchen - von Herz zu Herz. Wenn es also wichtig ist, mit dem Herzen zu beten, so muss man doch vor einem Missverständnis warnen: Ein Gebet ist nicht deshalb gut, weil dabei viele Gefühle und eventuell sogar Tränen mit im Spiel sind. In Sachen der Religion, meinte einmal der berühmte englische Kardinal Newman, ist Gefühl Schall und Rauch. Die großen Heiligen berichten immer wieder, dass sie Zeiten hatten, in denen sie überhaupt nichts mehr fühlten und aus einer solchen Nacht des Nichts-mehr-fühlen-Könnens heraus zu Gott beteten, ja schrien. Ein solches Gebet aus der Nacht heraus ist in den Augen Gottes mit Sicherheit mehr wert als die gefühligsten Stunden, in denen man Gottes Gegenwart quasi mit Händen zu greifen meinte.
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4. Wechsle immer wieder zwischen freien und vorformulierten Gebeten!
Wenn das Gebet ein Gespräch mit Gott ist, dann liegt es auf der Hand, dass es kein schöneres Gebet als ein freies Gebet gibt. Aber das freie Beten ist auch gefährlich. Wir Menschen sind immer wieder in der Gefahr, in fruchtlose Monologe zu verfallen, in denen wir Gott mit unseren Sorgen und Problemen „vollschwätzen“, anstatt in das tiefere Beten des Heiligen Geistes in uns einzuschwingen. Selbst die Jünger Jesu, die sicherlich beten konnten, haben Jesus gebeten, ihnen zu zeigen, wie man richtig betet. Jesus lehrte sie das Vaterunser. Es ist für alle Zeiten das Gebet, an dem sich menschliches Beten orientieren muss. Darum sollte es für einen Christen keinen Tag geben, an dem er nicht wenigstens einmal das Vaterunser gesprochen hat! Die Bibel ist übrigens voll von richtigen Gebeten, die uns zurückholen in die wahre Sprache der Beziehung zu Gott. Besonders die Psalmen sind unübertreffliche Gebete; man lernt sie immer tiefer lieben und schätzen, wenn man einmal damit angefangen hat, sie mit ganzem Herzen zu sprechen. Dieses Buch ist voll von großen Gebeten, aus denen man sich nach Herzenslust das herausgreifen sollte, was einen anspricht. Viele Menschen vor dir haben sie gesprochen; sie sind an ihnen gereift. Sie haben sie als echte Brücke zu Gott erfahren. Diese Gebete sind einer der größten Schätze der Christenheit. Man muss sie darum mit großer Ehrfurcht und Liebe betrachten und von sich ihnen an die Hand nehmen lassen. Und noch eine Erfahrung: Lerne bestimmte Gebete, die dich besonders ansprechen, auswendig! Es wird Stunden in deinem Leben geben, in denen du nicht mehr fähig bist, frei zu beten. Dann kannst du von Glück sagen, wenn du auf ein vorformuliertes Gebet aus der großen Tradition der Kirche zurückgreifen kannst. Immer wieder wird berichtet, wie Menschen auf dem Sterbebett ein solches Gebet sprechen konnten, das ihnen tiefen Frieden und große Gelassenheit schenkte und sie bereit für die letzte Begegnung mit Gott machte.
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5. Bete alleine und bete mit anderen!
„Wenn du betest, geh in dein Kämmerlein!“, heißt es im Neuen Testament. Damit ist gesagt: Gib nicht an mit deinen Gebeten, rede nicht so viel davon, tu es einfach! Und in der Tat ist das Gebet ja etwas vom Persönlichsten, was ein Mensch hat: Auge in Auge mit seinem Gott allein zu sein. Jesus selbst hat das Aug-in-Aug mit seinem Vater gesucht, damals in der Nacht vor seinem Tod am Ölberg. Aber Jesus hat auch gemeinsam mit seinen Jüngern gebetet, beispielsweise beim letzten Abendmahl, als er das große Dankgebet seines Volkes über Brot und Wein anstimmte. Das geschieht in der Kirche noch immer. Besonders in den Gottesdiensten zeigt sich, dass sie eine große Gemeinschaft des Gebetes ist, in der unter anderem auch für dich gebetet wird. Ein Christ zu sein, heißt: sich immer wieder in dieses gemeinsame Beten hineinzubegeben. Aber auch über den Gottesdienst hinaus, sollen Christen versuchen, miteinander zu beten, etwa in der Familie oder im Freundeskreis. Es ist etwas Großartiges, wenn man neben sich Menschen hat, mit denen man so tief verbunden ist, dass man alle Blockaden der Peinlichkeit hinter sich lassen und zusammen beten kann. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, sagt Jesus, und er ermutigt uns dazu, Gott gemeinsam um etwas zu bitten. Wenn ihr in eurem Freundeskreis beispielsweise ein tiefes Anliegen habt, so betet gemeinsam darum. Gott hört das - aber ihr müsst ihm die Freiheit lassen, eure Bitte auf seine Weise zu erfüllen. Zusammenfassend kann man sagen: Wer immer nur für sich allein betet, dem fehlt die Weite, der ist in Gefahr, nur an sich zu denken. Wer aber immer nur in der Gemeinschaft betet, dem fehlt die Tiefe, der ist in der Gefahr, niemals einen Gott zu erfahren, der ihn ganz persönlich meint.
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6. Unterstütze dein Gebet durch deinen Leib!
Natürlich kann man in jeder nur denkbaren Lage beten, im Liegen, im Sitzen, im Stehen. Es fragt sich nur, ob es klug ist, auf körperliche Gesten zu verzichten. Ich halte es für einen großen Verlust, dass viele Leute heute meinen, ein Gebet spiele sich nur im Kopf, in der Welt der Gedanken, ab und es sei völlig gleichgültig, welche Körperhaltung der Betende gerade einnimmt. Die großen religiösen Kulturen der Erde haben nie so gedacht. Sie haben immer den Körper mit einbezogen, haben mit dem Körper gebetet. Die alten Indianer Nordamerikas breiteten die Arme aus, um Gott (den sie in der Sonne symbolisiert sahen) zu begrüßen und ihm zu sagen: Ich gehöre dir. Muslime legen noch heute den Gebetsteppich aus; sie legen sich auf die Knie zum Zeichen der Ehrfurcht vor Gott. Im Zen sitzt der Beter in der Haltung schweigender Erwartung und mit einem körperlichen Ausdruck völliger Offenheit da. Die christlichen Mönche verbeugen sich häufig während des Chorgebetes; bei der Mönchs- und Priesterweihe liegen sie zum Zeichen völliger Bereitschaft vor dem Altar. Katholische Christen beten noch heute oft auf den Knien. Das ist ein uraltes Ritual, das man vom byzantinischen Kaiserhof übernommen hat. Vor den Kaiser durfte man - zum Zeichen des unendlichen Abstandes - nur auf den Knien hintreten. Vor einem Kaiser ist das sicher nicht angebracht. Aber in der Verehrung der Größe Gottes ist das Knien - wenn man nur etwas geübt darin ist - ein schönes und freies Zeichen, das das ganze Beten verwandelt und vertieft. Katholische Christen haben noch andere Zeichen: Sie stehen, wenn sie das Evangelium hören und sie falten die Hände, um sich ganz zusammenzufassen für das Gebet und um auch mit dem Körper zum Ausdruck zu bringen, dass man jetzt ganz konzentriert, ganz da vor Gott ist. Ich kann dir nur raten: Versuche ganzheitlich zu beten - mit dem Körper, mit deinen Gefühlen, mit deinem Geist! Probiere aus, was dir hilft, tiefer zu werden! Ich lasse mir übrigens von niemandem erzählen, dass er wirklich mit Gott (!) spricht, wenn er sich dabei auf dem Sofa herumlümmelt.
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7. Beziehe alle Arten des Gebetes in dein Beten mit ein!
Einer alten Einteilung zufolge gibt es drei Grundformen des Gebetes: das Lob- und Preisgebet, das Bittgebet und das Dankgebet. Viele Christen bringen es zeitlebens nicht über das Bittgebet hinaus. Sie brauchen Gott nur, wenn es ihnen schlecht geht und wenn sie in ihrer Not nicht mehr wissen, wohin sie sich wenden sollen. Dieses Bittgebet darf nach dem Willen Jesu durchaus sein, aber wer in einer wirklichen Beziehung mit Gott lebt, wird feststellen, wie schön es ist, Gott so zu loben, wie es in den Psalmen vorgezeichnet ist. Der Psalmist entdeckt und beschreibt immer neue Wunder und Wundertaten Gottes, er jubelt darüber und freut sich daran. An den Psalmen kannst du dich schulen, damit du auch in deinem Leben neue Augen bekommst und immer mehr das Wunderbare herausfinden kannst, das dich zum Lob Gottes und zur Freude führt. Über das Lob Gottes bekommt man eine ganz andere, positive Lebenseinstellung. Man lernt darüber schließlich das Höchste: für alles zu danken, auch für das Schwere, auch für das Leid.
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8. Bete deinen Glauben!
Manche Leute mixen sich einen Glauben zurecht als ginge es darum, einen möglichst schmackhaften Kuchen zu backen. Sie nehmen ein bisschen Astrologie, mischen es mit kuschelweichem Gott und würzen das Ganze noch mit einer herzhaften Prise Weihrauch. Guten Appetit!
Gott ist aber eine Wirklichkeit und keine umstylbare Kreation findiger Köpfe. Gott hat sich uns geoffenbart; in der Heiligen Schrift hat er uns gesagt, wer er ist. Die Kirche fasst im Glaubensbekenntnis zusammen, was aufgrund der Bibel quer durch alle Zeitalter und Kulturen übereinstimmend von Gott gesagt werden kann. Jeder Christ, der seinen Glauben lebt, spricht zu vielen Gelegenheiten dieses Glaubensbekenntnis. Wenn es aber beim bloßen Dahersagen bleibt, ist das Glaubensbekenntnis dürrer Formelkram, der nichts verändert, mit meinem Leben nichts zu tun hat. Wer aber beispielsweise den Satz „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen“ ins Gebet nimmt, der sagt das Wort „Vater“ ins Angesicht Gottes, der sagt: „Ich glaube dir, Gott, dass du mein Vater bist!“
Wenn einer so „Vater“ sagt, kann er es nicht leichtfertig tun, sondern nachdem er gedacht und gefühlt und erfahren und das Wort schwer gewogen hat. Und wenn er es dann sagt, dann soll er dieses Wort auch mit seinem ganzen Leben decken und seine Wahrheit bezeugen. Das ist übrigens überhaupt eine der wichtigsten Lebensaufgabe: den ganzen, unverkürzten Glauben in das „Du“ zu Gott hineinzunehmen. Du, Heiliger Geist - Du, mein Erlöser - Du, meine Hoffnung ... Das von ganzem Herzen sagen zu lernen, ist gar nicht so leicht. Und manche Nuance aus dem Kosmos der Wahrheiten des Glaubens geht einem erst im Laufe seines Lebens so richtig unter die Haut - vielleicht erst durch eine große Erschütterung oder im Angesicht des Todes.
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9. Bete dein Leben!
Willst du eine Art Urformel hören? Hier ist sie: Bete dein Leben - lebe dein Beten. Bete dein Leben: Entdecke, dass es nichts gibt, was du Gott nicht sagen kannst. Unterbreite ihm alle deine Pläne, deine Wünsche, deine Sehnsüchte. Lass keinen Bezirk aus, nicht deine Sexualität, nicht dein Zorn, nicht deine Verletztheit, nicht deine Freude, nicht deine Sucht. Gott rümpft nicht die Nase. Er zieht sich nicht beleidigt zurück. Er ist kein Spielverderber, der dir irgendwelche Pläne vermasseln möchte. Gott ist auch kein Polizist, der böse guckt, wenn du gesündigt hast. Gott will mit deinem Leben das, was du dir zuinnerst wünschst. Er will dich unendlich glücklich machen. Darum führt er dich - manchmal auf Wegen, die du zuerst nicht verstehst. Und manchmal bewahrt er dich vor Dummheiten, die du dir heute wünschst und worüber du morgen den Kopf schütteln wirst. Lebe dein Beten: Es geht den meisten Menschen so, dass sie im Beten weiter sind als im Leben. Im Gebet fallen die großen Worte - und im wirklichen Leben geht's armselig daher! Bei den Indianern gibt es ein Sprichwort: Wirf dein Herz über den Fluss und dann -schwimm dahinter her! Also: Hab keine Angst, Gott etwas Großes zu sagen, weil du dich kennst und weißt, dass du vielleicht ein fürchterlich schwacher und inkonsequenter Menschen bist. Gott weiß auch das von dir. Aber er liebt es, wenn du im Gebet dein Herz über den Fluss wirfst! Er will nicht, dass du kleinmütig und verzagt zu ihm kommst. Er rechnet damit, dass du mit buchstäblich unendlicher Erwartung an ihn herantrittst.

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10. Bete in der Gemeinschaft der Kirche!
Du musst dir die Kirche so vorstellen, dass zu ihr Lebende und Verstorbene gehören, dass sich die Kirche also zugleich auf der Erde und im Himmel abspielt. Wenn jemand stirbt, dann lebt er in der Ewigkeit weiter - er „ruht“ nicht, wie es immer wieder falsch heißt, sondern er ist so lebendig wie nie. Der Faden des Gespräches, den einer im Leben mit Gott hatte, wird nun fortgesponnen im unendlichen Dialog der Liebe mit Gott. Im Himmel ist kein Raum mehr für Geschwätz. Im Himmel ist jedes Wort ein Gebet. Und nun stell dir vor, dass der Himmel nicht irgendwo hinter dem vierten Sonnensystem ist. Er ist hier; um dich herum ist Himmel. Um dich ist Gott. Um dich leben unsichtbar auch die vielen Menschen, die wirklich intensiv gelebt haben - die Heiligen -, die nun in Gottes Gegenwart präsent sind. Und wie diese Heiligen im irdischen Leben bereits für andere da waren, so denken und fühlen sie auch jetzt mit uns Menschen mit. Man kann sie - so lehrt es vor allem die katholische Kirche - um Fürsprache bei Gott angehen. Die Heiligen dürfen niemals angebetet werden, das kommt nur Gott zu. Aber zu ihnen beten, das ist gut und eine uralte Praxis der Kirche. Besonders Maria um ihre Fürsprache bei Gott zu bitten, ist vielen Menschen sehr wichtig - auch mir. Probier einmal folgendes aus: Wenn du vor einer wichtigen Begegnung mit verschiedenen Leuten stehst, dann ist es nicht nur schön, wenn du zum Heiligen Geist betest, dass er euch zu richtigen Entscheidungen führt. Du kannst auch zu den Namenspatronen der Leute beten, mit denen du dich triffst. Es ist nur ein kurzes Stoßgebet: Heilige Teresa, bitte für uns! - Heiliger Georg, bitte für uns! - Heiliger Benedikt, bitte für uns! - Du kannst sicher sein, dass sich dann dein Gebet zu Gott mischt mit den hilfreichen Bitten der großen Heiligen.
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Von Martin Luther gibt es ein großartiges Wort, das die Vision gegenseitiger Hilfe im Himmel und auf der Erde unübertroffen zum Ausdruck bringt: „Ist es nicht gut für uns, hier zu weilen, wo alle Glieder mitleiden, wenn ein Glied leidet, und wenn eines verherrlicht wird, alle sich mitfreuen? Wenn ich also leide, dann leide ich nicht allein, mit mir leidet Christus und alle Christen, wie der Herr sagt:
'Wer euch anrührt, der rührt an meinen Augapfel!' Meine Last tragen somit andere, ihre Kraft ist die meine. Der Glauben der Kirche kommt meinem Bangen zu Hilfe, die Keuschheit anderer erträgt das Versuchtwerden meiner Lüsternheit, anderer Fasten werden mir zum Gewinn, eines anderen Gebet bemüht sich um mich.“
Niemals
war ich ärmer,
niemals sinnloser,
als an dem Tag,
da ich dir bekannte:

Ich habe
Dich
Nicht
vermisst.

..... Mystiker sein oder gar nicht....
Von dem berühmten Theologen Karl Rahner gibt es ein Wort, über das ich dich nachzudenken bitte. Es heißt: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird es gar nicht mehr sein“. Für ,Mystiker' könntest du auch das Wort ,Beter' einsetzen. Rahner meint damit: In Zukunft werden nur noch die Menschen Christen sein, die im Herzen eine Verbindung zu Gott haben. Diejenigen, die nur darum noch Christen sind, weil sie einen Taufschein besitzen oder weil ,man' eben traditionellerweise noch zur Kirche geht, werden früher oder später gehen.
Das ist an dich die Frage: Willst du dich auch verabschieden? Oder willst du den inneren Weg gehen? Wenn du die zehn kleinen Regeln aufmerksam gelesen hat, wirst du feststellen, dass du deine ganze Kraft und vielleicht Jahre brauchen wirst, um ein Beter zu werden. Die Latte liegt ganz hoch. Aber die wirklich kostbaren Dinge im Leben gibt es nicht umsonst. Es ist wie mit der wertvollen Perle im Evangelium. Wenn du sie entdeckt hast, tu etwas Radikales: Geh hin und verkaufe alles, was du hat, um sie zu erwerben!

Eine echte Hilfe zum persönlichen Wachsen im Gebet ist das Buch: Du bist da. (Hg. v, T.M. Rimmel u. J. Rosen). ISBN 3-629-01076-8